KI-gestützte Robotik, Cobots und autonome Systeme verändern industrielle Produktionsprozesse grundlegend. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an funktionale Sicherheit, Cybersecurity, CE-Konformität und regulatorische Nachweise. Insbesondere mittelständische Integratoren und Betreiber stehen vor der Herausforderung, Innovation wirtschaftlich umzusetzen und gleichzeitig den aktuellen Stand der Technik sowie neue regulatorische Anforderungen sicher zu beherrschen.
Robotik im Spannungsfeld zwischen Innovation und Regulierung
Moderne Robotiksysteme entwickeln sich zunehmend von klassischen, deterministischen Automatisierungslösungen hin zu vernetzten, adaptiven und teilweise KI-gestützten Systemen. Insbesondere kollaborative Robotik, autonome Funktionen und softwarezentrierte Architekturen eröffnen neue Potenziale hinsichtlich Flexibilität, Produktivität und Ressourceneffizienz.
Parallel dazu steigen jedoch die technischen und regulatorischen Anforderungen an Sicherheit, Nachweisführung und Risikobeherrschung erheblich. Funktionale Sicherheit allein reicht längst nicht mehr aus. Themen wie Cybersecurity, sichere Betriebsarten, sichere Mensch-Roboter-Kollaboration, softwarebezogene Sicherheitsfunktionen sowie organisatorische Compliance-Anforderungen gewinnen zunehmend an Bedeutung.
ISO 10218:2025 – Stand der Technik versus Harmonisierung
Besondere Relevanz besitzt derzeit die Veröffentlichung der neuen ISO 10218:2025 als internationaler Standard für die Sicherheit industrieller Robotersysteme. Die Norm beschreibt den aktuellen Stand der Technik, ist jedoch bislang nicht im europäischen Amtsblatt harmonisiert.
Für Hersteller, Integratoren und Betreiber entsteht dadurch eine anspruchsvolle Übergangssituation. Einerseits besteht weiterhin die Vermutungswirkung harmonisierter Vorgängernormen, andererseits müssen Unternehmen nachweisen, dass ihre Lösungen dem aktuellen Stand der Technik entsprechen.
Insbesondere bei Neubauten, Retrofit-Projekten und KI-bezogenen Funktionen stellt sich damit die Frage, wie normative Anforderungen, Risikobeurteilung, Performance Level, Validierung sowie technische Dokumentation künftig belastbar umgesetzt werden können.
Neue regulatorische Anforderungen an die industrielle Robotik
Zusätzlich verändern regulatorische Entwicklungen wie die neue Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, der AI Act sowie der Cyber Resilience Act die Anforderungen an industrielle Robotiksysteme nachhaltig.
Im Fokus stehen dabei insbesondere:
- sichere Mensch-Roboter-Interaktion,
- Beherrschung softwarebasierter Sicherheitsfunktionen,
- Cybersecurity über den gesamten Lebenszyklus,
- Nachvollziehbarkeit und Traceability,
- sowie die klare Zuordnung von Verantwortlichkeiten zwischen Hersteller, Integrator und Betreiber.
Gerade mittelständische Unternehmen stehen dabei häufig vor der Herausforderung, komplexe regulatorische Anforderungen mit begrenzten personellen und organisatorischen Ressourcen umzusetzen.
Ganzheitliche Sicherheitskonzepte als Erfolgsfaktor
Zukunftsfähige Robotikprojekte erfordern daher einen ganzheitlichen Ansatz, der funktionale Sicherheit, Security, normative Konformität und organisatorische Prozesse integriert betrachtet.
Entscheidend ist dabei, Compliance nicht erst im Rahmen der CE-Kennzeichnung zu adressieren, sondern bereits frühzeitig in Konzept-, Entwicklungs- und Integrationsphasen einzubinden. Unternehmen, die regulatorische Anforderungen systematisch in ihre Engineering- und Validierungsprozesse integrieren, reduzieren Projektrisiken, vermeiden kostenintensive Nacharbeiten und schaffen langfristige Investitions- und Rechtssicherheit.
Die Podiumsdiskussion bringt Experten aus Robotikindustrie, Prüfwesen und Compliance zusammen und beleuchtet praxisnah aktuelle Herausforderungen sowie Lösungsansätze für Betreiber, Maschinenbauer und Integratoren.
Praxistipp / Fazit
„Die größte Herausforderung moderner Robotikprojekte liegt nicht allein in der technischen Innovation, sondern in der nachweisbaren Beherrschung von Safety-, Security- und Compliance-Anforderungen über den gesamten Lebenszyklus der Anlage.“
Jens Müller
Jens Müller
Robotics & Machine Safety Expert und CEO von Müller & Partner Sachverständige mit Schwerpunkt auf der sicheren Integration von Robotersystemen in industrielle Produktionsumgebungen. Unterstützt Unternehmen bei der normgerechten Risikobeurteilung, CE-Konformität und der praxisnahen Umsetzung moderner Sicherheitskonzepte für Mensch-Roboter-Kollaboration.