"KI-Funktionen können Mittelständler heute bereits nutzen. Sie müssen nicht auf humanoide Roboter warten."

Wie KI die Roboternutzung vereinfacht

KI hält Einzug in die Fabrikhalle – und verändert auch die Robotik. Nicht humanoide Roboter stehen dabei im Mittelpunkt, sondern neue KI-Werkzeuge, die Programmierung, Bedienung und Bildverarbeitung drastisch vereinfachen. Vom Chatbot für den Industrieroboter über sprachbasierte Programmierung bis hin zu smarter Vision: Gerade für KMU wird Robotik damit einfacher und zugänglicher.

Künstliche Intelligenz ist im Alltag angekommen. Spätestens seit ChatGPT wissen quasi alle, welche Vorteile KI in der praktischen Anwendung bringt. Was im Büro und am heimischen PC funktioniert, hält nun auch Einzug in die Fabrikhalle. Und genau hier liegt eine große Chance, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen: KI verändert gerade die Robotik. Und zwar nicht, indem plötzlich überall humanoide Roboter stehen – sondern indem der Zugang zu klassischer Industrie- und Cobot-Robotik deutlich einfacher wird.

Vom Programmieren zum Fragenstellen

Ein gutes Beispiel dafür ist Fruitcore Robotics aus Konstanz. Unter dem Motto „Ask HORST Anything“ hat das Unternehmen einen KI-basierten Assistenten für seine HORST-Roboter eingeführt, der auf ChatGPT basiert. Anwender können ihrem Roboter damit ganz einfach Fragen stellen – etwa: „Wie schließe ich einen Greifer an?“ oder „Warum meldet der Roboter einen Fehler?“

Der digitale Assistent greift zur Antwort dabei auf die komplette Dokumentation, Handbücher und Montageanleitungen von Fruitcore zurück und gibt konkrete, praxisnahe Antworten – Halluzinationen ausgeschlossen. Inzwischen kann er sogar Programminhalte erzeugen – etwa fertige Funktionsbausteine oder Skripte.

Fruitcore AI Copilot
AI Copilot; Bildquelle: Fruitcore

Alltagssprache statt Programmiersprache

Auch andere Roboterhersteller treiben diesen Ansatz voran. Kuka beispielsweise arbeitet gemeinsam mit Microsoft ebenfalls an einem KI-basierten Copiloten für die Roboterprogrammierung. Mit iiQWorks.Copilot können Anwender dem Roboter Aufgaben in normaler Alltagssprache beschreiben – etwa: „Greife die Bauteile nacheinander und lege sie U-förmig auf dem Tisch ab.“

Die Copilot-KI übersetzt diese Beschreibung automatisch in echten Roboter-Code. Um Risiken zu vermeiden, wird der erzeugte Code zunächst in einer Simulation geprüft, bevor er an den realen Roboter übertragen wird. Was früher Schulungen, Spezialwissen und viel Erfahrung erforderte, wird damit deutlich zugänglicher. Gerade für KMU ohne eigene Robotik-Experten ist das ein entscheidender Schritt.

Wenn Roboter sehen lernen

Ein weiterer KI-Turbo für die Robotik ist das Sehen. Moderne KI sorgt dafür, dass Roboter ihre Umgebung verstehen, ohne dass Anwender sich dafür mit komplexer Bildverarbeitung beschäftigen müssen. Das Münchner Startup Robco zeigt das mit Robvision. Statt Kameras mühsam anzulernen, lädt der Nutzer einfach eine CAD-Datei des Bauteils hoch. Die KI erzeugt daraus selbstständig Trainingsbilder und lernt das Objekt innerhalb weniger Stunden. Der Roboter erkennt anschließend ungeordnet liegende Teile, berechnet Greifpunkte dynamisch und passt sich automatisch an Lageabweichungen an.

RobCo Robvision Bild
RobVision; Bildquelle: RobCo

Ähnliches bietet auch das 2D-Grasping-Kit von Schunk: Hier reicht es sogar, neue Teile einfach zu fotografieren und mit den Bildern dann die KI zu trainieren. Die KI erkennt die Teile dann zuverlässig – selbst bei wechselndem Licht, Schatten oder spiegelnden Oberflächen. Besonders spannend: Die KI sagt nicht nur, wo ein Teil liegt, sondern auch, wie der Greifer zugreifen muss – inklusive Drehwinkel und Greiferöffnung.

Schunk 2D Grasping Kit
2D grasping Kit; Bildquelle: Schunk

KI direkt am Roboter

Damit solche Anwendungen schnell und zuverlässig laufen, rücken KI-Rechenleistung und Robotik immer näher zusammen. Universal Robots hat gemeinsam mit Nvidia den UR AI Accelerator entwickelt – ein Hardware- und Softwarepaket, das KI direkt am Roboter ausführt. Damit lassen sich dann unter anderem Objekte erkennen, bewegte Teile in Echtzeit verfolgen, Qualitätsprüfungen durchführen oder Hindernisse in Millisekunden umfahren.

Ähnlich geht Yaskawa mit der neuen Plattform Motoman Next vor, bei der die Japaner Nvidias KI-Chips sogar direkt in die Robotersteuerung einbauen. Der Roboter berechnet damit seine Bewegungen selbstständig in Echtzeit und reagiert flexibel auf Menschen oder Objekte im Arbeitsraum – ohne vorher fest programmierte Ausweichpfade.

Und was ist mit humanoiden Robotern?

Wie bereits gesagt: All diese KI-Funktionen können Mittelständler heute bereits nutzen. Sie müssen nicht auf humanoide Roboter warten, um die es gerade so einen großen Hype gibt. Denn trotz ehrgeiziger Prognosen und Ankündigungen ist die Vision von menschenähnlichen Robotern, die nicht nur sehen, hören und fühlen können, sondern auch denken und lernen, noch ein gutes Stück Zukunftsmusik.

Experten gehen eher davon aus, dass der Weg zum intelligenten humanoiden Roboter mehr ein Marathon wird als ein Sprint und noch einige Jahre dauert. Und ja: Ob es dann immer und überall ein menschenähnlicher Humanoid sein muss, bleibt abzuwarten. Denn gerade in strukturierten Umgebungen wie Fabriken sind zwei Beine (die nur für Komplexität beim Gleichgewichthalten sorgen) gar nicht unbedingt notwendig, sondern es genügen Roboter oder Cobots auf Rädern.

Daher setzen auch Pioniere der kognitiven Robotik wie Neura Robotics auf übergreifende Software-Plattformen, die intelligente KI-Funktionen für Roboter aller Arten zur Verfügung stellen: Vom zweibeinigen Humanoiden über die Haushaltsroboter auf Rädern bis zum intelligenten Cobot. So sorgen sie dafür, dass auch die klassische Robotik von den enormen Entwicklungsschüben bei der humanoiden Robotik profitiert. Kurzum: Die intelligente Zukunft der Robotik hat bereits begonnen.

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Armin Barnitzke

Armin Barnitzke ist Chefredakteur des Fachmagazins Automationspraxis und verantwortet dort die inhaltliche Ausrichtung rund um industrielle Automation und Robotik. Er begleitet seit vielen Jahren die technologische Entwicklung in der Industrie und vernetzt Hersteller, Integratoren und Anwender über Fachbeiträge, Interviews und Events.