Autor:Wolfgang Kräußlich / Chefredakteur SPS-Magazin

Nachhaltigkeit ist vernünftig

Ist der digitale Zwilling nachhaltig?

Ist der digitale Zwilling nachhaltig? Nun, wie viele technische Konzepte braucht er erst einmal Energie – gedankliche ebenso wie auf Servern und Rechnern. Allerdings, und auch das gilt für viele Technik-Anwendungen: Richtig eingesetzt kann er dabei helfen, Ressourcen und Energie zu sparen. Das dachten sich auch die Technologie-Initiative SmartFactory Kaiserslautern und die Industrial Digital Twin Association (IDTA), als sie Anfang Juni ein Memorandum of Unterstanding unterzeichneten. Beide Vereine sind der Überzeugung, dass die Digitalisierung ein wichtiges Instrument für die Dekarbonisierung der Industrie ist. Gemeinsam wollen sie ein stärkeres Bewusstsein für die Idee von Produktionskreisläufen und Ressourcenschonung in der Industrie schaffen. Es gehe darum, Nachhaltigkeit und Digitalisierung miteinander so zu verschmelzen, dass der Klimaschutz in der Industrie vorankommt.

Das ist ein hehres Ziel, wenn man bedenkt, dass Nachhaltigkeit bisher in vielen Fällen nicht das Ziel von Prozessverbesserungen war. Vielmehr wurde sie überwiegend nur als Nebenprodukt eines verantwortungsvollen Anlagenmanagements betrachtet – wenn überhaupt. Nach einer Umfrage der Personalberatung Russell Reynolds Ende 2021 unter weltweit 9.500 Führungskräften, davon rund 750 aus Deutschland, ist der Klima- und Umweltschutz für viele deutsche Manager gut fürs Image, aber ohne große Auswirkung aufs Geschäftsmodell. 46% der befragten deutschen Vorstände gaben an, dass Nachhaltigkeitsmaßnahmen aus Marketingerwägungen getroffen werden, um als gesellschaftlich verantwortlich angesehen zu werden. Mit dem Nachhaltigkeitsimage wolle man sich vom Wettbewerb absetzen, so die Unternehmensberater. Nur 15% der Vorstände sehen zusätzliche Wertschöpfung in der Nachhaltigkeit. Böse gesagt: (fehlende) Nachhaltigkeit wird als Reputationsrisiko angesehen, das zu managen ist.

Das dürfte sich ändern: Immer mehr Firmen füllen derzeit ihre Lager, um im Ernstfall lieferfähig zu bleiben. Das treibt die Umsätze der Industrie – und die Preise. Nahezu überall sind Rohstoffe und Bauteile knapp. Rund 75 Prozent der Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe berichten derzeit von Engpässen bei Vorprodukten, meldet das Ifo-Institut als Ergebnis einer aktuellen Umfrage. Vorbei die Zeiten, als minimalistische Lagerhaltung eine Tugend jedes Finanzchefs war. Heute heißt Just-in-Time, dass jede Lücke im üppig gefüllten Lager sofort wieder gefüllt werden will. Wirtschaftsforscher rechnen bislang nicht damit, dass sich die Versorgungslage kurzfristig entspannt.

Und jetzt auch noch eine Inflation: Statistisch nachgewiesen ist als Hauptpreistreiber in den vergangenen zwölf Monaten der Anstieg der Kosten bei importierten Rohstoffen und Energieträgern wie Erdöl, Erdgas und Kohle gewesen. Wie das Statistische Bundesamt für Februar 2022 (noch vor dem russischen Überfall auf die Ukraine) meldete, war importierte Energie 129,5% teurer als im Vorjahresmonat, im Inland erzeugte Energie kostete 68% mehr. Allerdings: Eine derartige Angebotsinflation lässt sich durch sparsames Wirtschaften abmildern. Sprich, unter diesen Umständen lohnt sich die Entwicklung nachhaltiger Technologien endlich auch aus wirtschaftlicher Sicht. Und weil das viele Firmen bislang praktisch noch nicht erprobt haben, ist die angekündigte Zusammenarbeit der IDTA mit der SmartFactory Kaiserslautern eine gute Möglichkeit, Arbeitsergebnisse auszutauschen und in einer Musterfabrik Daten aus unterschiedlichsten Quellen für die Berechnung von Emissionen und Verbräuchen einzusetzen – und nicht nur für die Overall Equipment Efficiency (OEE). Was auch hilft, ist sich informieren. Auf einer Fachmesse zum Beispiel. Das Thema Nachhaltigkeit, Energie- und Ressourceneffizienz ist auf jeden Fall eines, dass sich nur mit kluger Automatisierungstechnik lösen lässt

Wolfgang Kräußlich

Chefredakteur SPS-Magazin 

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