Autor: Wolfgang Kräußlich | Chefredakteur SPS-Magazin 

Digitalisierung im Mittelstand: Worauf kommt es an?

In Zeiten von Rohstoffmangel und kriegsbedingten Im- und Exportbeschränkungen gilt mehr denn je, die eigenen Lieferketten im Griff zu haben. Gerade der Mittelstand weiß das, hat im Hochlohn-Deutschland aber mit der Kostenseite zu kämpfen. Die Digitalisierung soll Abhilfe schaffen, hält aber oftmals noch nicht, was sie verspricht. Woran liegt es?

Kommentar von Wolfgang Kräußlich

Die deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech mahnt nach einer aktuellen Erhebung, dass die Digitalisierung in vielen Unternehmen zu schleppend vorankomme. Ein fehlender Startimpuls, zu geringer Leidensdruck, vorsichtiges Management – Gründe werden viele genannt. Und auch sehr oft: Der konkrete Nutzen ist nicht erkennbar. Und das nicht zu Unrecht – manch einer stellt sich die Frage, warum in den Unternehmen seit Jahrzehnten die IT-Investitionen deutlich stärker steigen als die Produktivität.

Tatsächlich entwickelte sich die Arbeitsproduktivität in Deutschland vor allem in den letzten Jahren nicht übermäßig gut: Konnte sie in den 1970ern binnen zehn Jahren um etwa 50 Prozent gesteigert werden, und auch in den 1980ern und 90ern jeweils noch um rund 30 Prozent zulegen (Früchte der damals neuen elektrischen Automatisierung), so lag das Wachstum der Produktivität seit den 2000ern nur noch bei rund 5 Prozent und oftmals unter dem Wirtschaftswachstum. 2021 lag die Produktivität auf demselben Niveau wie 2011, jenem Jahr, in dem öffentlichkeitswirksam und ein wenig großspurig die vierte industrielle Revolution ausgerufen wurde: Industrie 4.0.

Dabei war es ein enormer Effizienzgewinn, der bisher jede industrielle Revolution gekennzeichnet hatte, ob durch die Dampfmaschine vor 250 Jahren, die Fließbandfertigung vor 100 Jahren oder die Elektronik und Robotik vor 50 Jahren. Und jetzt, in der vierten Revolution soll das alles ohne Effizienzsteigerung ablaufen? Natürlich nicht. Die Protagonisten von Smart Factory, IIoT und Co. betonen stets, dass die die OEE deutlich verbessert werde, die Overall Equipment Efficiency. Cloud- und Edge-Computing, Ethernet-Connectivity bis an den Sensor, intelligente Antriebe und ein Maschinen-Dashboard am Smartphone — all das soll die industrielle Produktion auf ein neues Level heben.

Die Frage stellt sich also: Ist die OEE der richtige Wert, um zu erkennen, ob ein industrielles Digitalisierungsprojekt erfolgreich ist? Denn womöglich wird ein Teil der gesteigerten Effizienz von IIoT-Anlagen durch die Notwendigkeit von IT- und Softwarespezialisten kompensiert. Sprich, für jeden Werker, der an der Maschine eingespart werden kann, muss an anderer Stelle ein Netzwerkfachmann eingestellt werden, für jeden Vorarbeiter ein Cloud-Programmierer. Der Output pro Maschine mag steigen, der Output pro Mitarbeiter im Unternehmen tut das aber möglicherweise nicht. Ein Widerspruch, der auch dem Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow auffiel, als er zur digitalen Revolution sagte: „Man sieht das Computerzeitalter überall, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.”

Ein Denkansatz: Die Unternehmen setzen zu einseitig auf IT-Lösungen, obwohl Produktivitätsfortschritte in der Regel eine Prozessverbesserung voraussetzen. Kurz gesagt: Die Digitalisierung ineffizienter Prozesse führt zu ineffizienten digitalen Prozessen. Und wenn man digitale Tools als das nimmt, was sie sind, als Werkzeug, dann sollte eigentlich klar sein, dass mit einem Werkzeugwechsel auch ein neuer Prozess einhergehen muss. Die Einführung der Kettensäge hat nicht nur das Bäume fällen schneller gemacht, sie hat den gesamten Holzernteprozess verändert. Und der produktive Einsatz eines 3D-Druckers setzt Änderungen bis in die Bauteilkonstruktion voraus. Warum sollte dann eine digitalisierte Produktion noch genauso ablaufen wie eine „nur“ automatisierte – geschweige denn im Vergleich zu einer manuellen Produktion?

Neue Ideen sind also gefordert, die vor allem von der Prozess-Seite kommen, nicht nur von den technischen Möglichkeiten. Und das ist auch der Punkt, an dem der berühmte Mittelstand glänzen könnte, wenn er sich traut (und einige gute Beispiele gibt es ja bereits). Die Effizienz der Firma muss steigen, nicht nur die der Maschinen. Und was wir noch brauchen, ist ein langer Atem. Auch wenn es schwerfällt, Innovationen brauchen Zeit: Mit der Erfindung der Glühbirne war die Welt noch nicht hell. Es dauerte Jahrzehnte, bis in jedes Zimmer zwei Drähte verlegt waren. Und natürlich war die Welt mit der Erfindung des ersten Kraftwagens noch nicht mobil. Erst nach vielen Jahrzehnten, als in jedes Dorf eine geeignete Straße gebaut war, konnte die Innovation zeigen, was sie bewirkt. Und ja, auch die Dampfmaschine hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie die Arbeitsweise der Menschen in der Breite verändert hat. Für die Digitalisierung unserer produzierenden Betriebe bedeutet das aber auch, dass sie langsam anfangen sollten, denn jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Wenn man dabei bedenkt, dass nicht nur das Equipment effizient sein muss, sondern sein Zusammenspiel mit den Menschen, dann kann da eigentlich gar nicht mehr so viel schief gehen.

Wolfgang Kräußlich

Chefredakteur SPS-Magazin

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