Autor: Iris Lindner | Freie Redakteurin

Schritt für Schritt zum IoT-Retrofit – Teil 4

Ein Retrofit ist ein anspruchsvoller Prozess, der viel Technologie-Kompetenz auf den verschiedensten Ebenen erfordert. Die Fortbildung der Belegschaft gehört demnach ebenso dazu wie die Modernisierung der Anlagen selbst.

Technologische Veränderungen bringen neue Anforderungen mit sich und stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen und Chancen. Zunehmend werden Produkte vernetzt und die Produktion automatisiert, wozu eben auch ein IoT-Retrofit notwendig ist. Damit verändern sich die Anforderungen an die Mitarbeiter mit Blick auf Kompetenzen und Know-how, der Fortbildungsbedarf nimmt zu.

Wird eine Bestandsmaschine durch einen IoT-Retrofit wesentlich verändert wird, braucht sie im Zuge einer neuen CE-Kennzeichnung eine neue Betriebs- und Wartungsanleitung. Das bedeutet, dass auch Schulung und Training der Bediener einer Maschine oder Anlage notwendig sind. Nicht nur, weil die Maschine unter Umständen nun etwas anders „funktioniert“. Entscheidend ist, dass Veränderungen an der Maschine oft auch ein Eingriff in deren Betriebssicherheit sind. Dabei geht es zum einen um die Produktionssicherheit, zum anderen um die Sicherheit der Bediener und Werker, die täglich an und mit den Maschinen arbeiten. Da die Verantwortung dafür der Betreiber trägt, darf die Fortbildung der Belegschaft in den Bereichen Safety und Security nicht am Ende der To-do-Liste stehen.

Bewusstsein für neue Gefahren schärfen

Natürlich muss die Belegschaft in das neue Schutzkonzept eingewiesen werden. Die Sensibilisierung der Anlagenbediener hinsichtlich neuer Gefährdungen und Risiken im Sinne des Arbeitsschutzes durch spezielle Schulungen ist wesentlich einfacher zu erreichen, als ihren siebten Sinn für Security zu schärfen. Diese umfasst neben technischen und organisatorischen vor allem auch menschliche Anforderungen. Alle zusammen müssen erfüllt werden, um das Ziel von Industrial Security, nämlich die Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen sowie die Integrität und Vertraulichkeit von maschinellen Daten und Prozessen zu gewährleisten, zu erreichen. Ein Knackpunkt bei einem IoT-Retrofit, denn die nun neu erhobenen Daten sind nicht allein Angelegenheit der IT-Abteilung.

Jeder im Unternehmen wird sich damit auseinandersetzen müssen, denn: Angreifer nutzen immer häufiger bestehende Schwachstellen, um in Steuerungsnetzwerke einzudringen oder den Ablauf der Prozesse zu stören. Zu bedenken ist dabei ebenso, dass auch über die OT von maschinellen Anlagen oft Pfade in die konventionelle IT und damit in die Kernbereiche des Unternehmens führen. Gelingt es Angreifern, eine der Schwachstellen auszunutzen, kann dies verheerende Folgen für das Unternehmen haben. Vom Stillstand der Produktion bis hin zur Gefahr von Menschen, wenn Sicherheitsmaßnahmen gezielt manipuliert wurden. Ein Risiko, das einem Mitarbeiter, der seit mehreren Jahrzehnten ein und dieselbe Anlage bedient, erst einmal bewusst gemacht werden muss.

Relevanz von Fortbildung wird oft unterschätzt

Die zunehmende intelligente Vernetzung und die Automatisierung der Produktion, verändern auch die Anforderungen an die Mitarbeiter. Über Schulungen müssen sie sich vollständig neue – über das eigene Arbeitsfeld hinausgehende – Fähigkeiten, Kompetenzen und neues Wissen aneignen. „Wir sehen einen zunehmenden Wandel in den Produktionsabläufen, aber teilweise fehlt noch immer die Sensibilisierung in den Unternehmen für das wichtige Tool der Fort- und Weiterbildungen“, weiß Katrin Willamowski, Organisatorin der Schulungen am Institut für Weiterbildung, Wissens- und Technologietransfer (IWT). „Wir müssen daher das Problem von zwei Seiten angehen. Zum einen das Angebot an Schulungen kontinuierlich anpassen und zum anderen Menschen für die Wichtigkeit von Fort- und Weiterbildungen sensibilisieren“, ergänzt Willamowski den Auftrag des Instituts.

Wichtig ist nach ihrer Meinung aber auch das aktive Verlangen der Mitarbeiter nach Schulungen, denn nicht selten haben Arbeitgeber kein Gespür dafür, welche Fortbildungen aktuell notwendig sind. Das IWT bietet aus diesem Grund Inhouse Seminare für Unternehmen an, in denen innerhalb von zwei Tagen die wichtigsten Grundlagen, Anwendungsgebiete sowie Praxisbeispiele einer bestimmten Thematik – darunter IoT – vermittelt werden. Ziel der Veranstaltung ist es, Mitarbeiter dazu zu befähigen, Potenziale der jeweiligen Technologie bei sich im Unternehmen und den benötigten Kompetenzen im Haus zu identifizieren.

Wissensvermittlung auf allen Ebenen

Um die Potentiale eines IoT-Retrofits voll ausschöpfen zu können, muss die Belegschaft die Zusammenhänge kennen, wissen, welche Daten durch den Retrofit erhoben und für welchen Zweck sie eingesetzt werden. Weil diese Transparenz nicht beim ersten neu erhobenen Datensatz beginnt, sondern weit vor dem eigentlichen IoT-Retrofit, ist auch das am Markt verfügbare Angebot an Schulungen und Fortbildungen breit gefächert. Für jeden der bisher vorgestellten Steps im IoT-Retrofit lässt sich der Wissensbedarf auf unterschiedliche Weisen decken.
Omron zum Beispiel bietet sowohl eine theoretische als auch praktische Schulung rund um Sensoren an, in denen Kenntnisse über Grundlagen induktiver, kapazitiver und optischer Sensoren vermittelt werden. Know-how aus erster Hand vermittelt Hirschmann in seinen umfassenden Technologieschulungen zu Ethernet und Wireless. Wer sich auf die Schnelle einen Überblick über Trends, Entwicklungen und Lösungen aus dem Bereich Industrial Ethernet verschaffen möchte, findet bei Harting passende Web-Seminare. Einsteiger und Umsteiger erlangen beim Automatisierungs- und Retrofitexperten Roth in seinen Sinumerik- und Simatik-Schulungen Kenntnisse in den Bereichen Projektierung, Inbetriebnahme, Wartung und Safety Integrated. Im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bietet der TÜV Süd mit „Gefährdungs- und Risikobeurteilung“ oder der „Betriebssicherheitsverordnung“ Seminare an, die sich intensiv den Unternehmerpflichten widmen.

Natürlich ist der TÜV Süd auch Anlaufstelle, wenn es um die Themen Maschinenrichtlinie im Rahmen des ProdSG, Risikobeurteilung von Maschinen und Anlagen, CE-Kennzeichnung für industrielle Produkte oder die Schulung zum CE-Beauftragten geht. Auch bei Pilz lässt sich in einer Schulung Wissen über die Grundlagen der CE-Kennzeichnung erwerben. Neben einem Workshop zur Risikobeurteilung für Maschinen bietet Pilz selbstverständlich auch ein Grundlagenseminar für den erfolgreichen Einstieg in Industrial Security an. Selbst eine Schulung speziell für den Retrofit von Altpressen können Interessierte in Ostfildern oder In-House buchen.

Bereits dieser kleine Überblick zeigt, wie wichtig die Fortbildung der Belegschaft ist, um einen IoT-von Anfang bis Ende erfolgreich zu gestalten. Dabei richten sich die Schulungs- und Fortbildungsangebote nicht immer nur an Anlagenbediener, Instandhalter oder Projektleiter. Auch für Führungskräfte gibt es entsprechende Angebote. Aus guten Grund, denn sie sind nicht nur diejenigen, die über einen Retrofit entscheiden. Sie haben auch den Erfolgsfaktor Nummer 1 in der Hand. Dieser lässt sich jedoch nicht erlernen – er muss sich ändern. Worum es sich dabei handelt, das lesen Sie im fünften und letzten Teil der Serie.

Iris Lindner

Freie Redakteurin

in Kooperation mit unserem Medienpartner Produktion