Autor: Jürgen Wirtz | Chefredakteur Schaltschrankbau

Estland: ein Vorbild in Sachen Digitalisierung

Ich hatte kürzlich das Vergnügen, mich im Rahmen unseres Technikwissen-Podcasts (https://www.sps-magazin.de/podcasts/) etwas näher mit dem digitalsten Land der Welt zu beschäftigen: Die Rede ist von Estland. Der seit 2004 der EU zugehörige baltische Staat hat nicht allzu lange nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Digitalisierungsdynamik nahezu aller Lebensbereiche hingelegt, die ihresgleichen sucht – und die Deutschland wie ein digitales Entwicklungsland aussehen lässt.

Zugegeben: Mit gut 1,3 Millionen Einwohnern hat Estland eine geringere Bevölkerungszahl als die Stadt München und ist auch nicht derart föderal organisiert wie die Bundesrepublik. Dennoch ist die Konsequenz, mit der dieses kleine Land den ersten E-Staat errichtet hat, beeindruckend. Formeller Ausgangspunkt dieser Entwicklung war 1997 das sog. Tigersprung-Programm, bei dem zunächst alle Schulen mit Computern ausgestattet und Lehrer in Sachen digitaler Kompetenz geschult wurden sowie allen Bürgern der Zugang zum Internet gewährt wurde. Richtig Fahrt nahm das Programm dann Anfang der 2000-er Jahre auf: Firmengründung in weniger als drei Stunden mittels Online-Unternehmensanmeldung, Steuererklärung in drei Minuten mit digitaler ID, Medikamentenabholung mit dem E-Rezept und sogar Online-Wahlen via I-Voting. Heute können 99 Prozent der behördlichen Dienstleistungen online erledigt werden. Lediglich Heirat und Scheidung sind noch nicht digital möglich.

Security-Bedenken? Als eines der ersten Länder wurde Estland 2007 Ziel eines groß angelegten Cyber-Angriffes. Statt zu hadern entwickelte man ein auf der Blockchain-Technologie basierendes Abwehrsystem, das seit 2012 operabel ist und ein hohes Maß an Daten- und Manipulationssicherheit bietet. Heute ist Estland Sitz des Nato Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence und der EU-IT-Agentur. 

Kein Wunder also, dass estnische Unternehmen für die Industrie weltweit gefragte Partner für die digitale Transformation sind: So werden 120 Länder mit digitalen Lösungen für IIoT- und Industrie 4.0-Anwendungen, für Robotik-, Automations- und mechatronische Lösungen beliefert. Die estnischen Partner fungieren dabei als Auftragshersteller, Entwicklungspartner und Strategieberater. Kunden in Deutschland sind unter anderem Audi, die Deutsche Bahn, Bosch und Stiebel Eltron

Die Industrie-4.0-Lösungen reichen von Predictive Analytics (prädiktive Analytik), über Predictive Maintenance (vorbeugende Wartung), bis hin zu Smart Factory (intelligente Fabrik), Smart Logistics oder Prozessautomation. „Durch ihre große Fertigungstiefe können estnische Maschinenbau-Unternehmen hochkomplexe Herausforderungen bedienen, inklusive der Auftragsproduktion“, sagt Leana Kammertöns, Export Advisor bei Enterprise Estonia und Gesprächspartnerin im oben genannten Podcast. Das entlastet die Kunden von Beschaffung, Lieferketten-Management, Entwicklung und Produktion. Die räumliche Nähe zwischen Deutschland und Estland ist gegeben sowie die Rechtssicherheit durch die EU-weit identischen Gesetze. „Mit estnischen Geschäftspartnern erhalten die Kunden nicht nur Digitalisierungs-Know-how, sondern auch flexible und schnell agierende Partner in der Fertigung“, sagt Leana Kammertöns.

Wer sich näher mit dem Digitalisierungsweg Estlands beschäftigen möchte, findet unter https://tradewithestonia.com/de/ oder https://e-estonia.com/ zahlreiche Informationen.

Jürgen Wirtz

Chefredakteur Schaltschrankbau

in Kooperation mit unserem Premium Medienpartner Schaltschrankbau

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