Autorin: Ragna Sonderleittner | Redakteurin der Redaktion digital bei mi connect
Auftakt unserer Artikelserie zum Thema Retrofit

Retrofit oder Neukauf?

Der Investitionsdruck in der Industrie ist hoch und wird branchenübergreifend auch in den kommenden Jahren hoch bleiben. Damit KMU neben großen Konzernen wettbewerbsfähig bleiben oder werden können, müssen auch sie die Möglichkeiten von Industrie 4.0 nutzen. Für drei von vier mittelständischen Unternehmen ist deshalb die Digitalisierung in Richtung Industrie 4.0 und Automatisierung ein entscheidender Erfolgsfaktor, in den sie investieren wollen. 
Produktionskennzahlen zu gewinnen ist dabei die entscheidende Voraussetzung, um die Auslastung von Maschinen zu optimieren und die Produktion effektiv zu steuern. Selbst die Instandhaltung wird dadurch wesentlich effizienter: Bei einem Ausfall muss der Mitarbeiter nicht mehr zuerst an die Anlage um nachzusehen, was passiert ist. Stattdessen wird er durch eine Meldung auf seinem Smartphone informiert und kann gleich mit dem richtigen Ersatzteil kommen. Dafür müssen relevante Signale von Maschinen erfasst und ausgewertet werden können. Moderne Maschinen bieten meist bereits Funktionen zur Erfassung und Kommunikation von maschineninternen Signalen, Bestandsmaschinen häufig jedoch nicht – es fehlt an der Netzwerkfähigkeit und an geeigneten Sen­soren.

Digitaler Retrofit und Automatisierung

Hier kommt Retrofit ins Spiel: Der Begriff „Retrofit“ leitet sich von den Wörtern „retro“ für rückwärts und „to fit“ für anpassen ab. Es geht um die Modernisierung von vorhandenen Maschinen durch Auf- oder Nachrüstung. Das ist nichts fundamental Neues: Man hat schon immer Baugruppen, für die keine Ersatzteile mehr zu bekommen waren, ersetzt oder die Maschine so angepasst, dass sie sich in die Produktionsanlage einfügt. Dass man aber durch den nachträglichen Einbau von Sensoren ein „digitales Retrofit“ schaffen kann, ist noch nicht so weit verbreitet. Den Maschinenpark zu ersetzen, um die Digitalisierung voranzutreiben hieße oft, das „Kind mit dem Bade“ auszuschütten. In der Regel ist die Mechanik einer Maschine auch nach 15 Jahren Betrieb noch funktionsfähig. Digitalisierung kann auch mit Augenmaß auf Basis bestehender Maschinen und Anlagen geschehen, nämlich durch die nachträgliche Ausstattung mit neuer Sensorik sowie geeigneter Kommunikationstechnologien. 

Welche Maschinen kommen infrage?

Eine der häufigsten Fragen im Zusammenhang mit einem Retrofit lautet: Kann jede Maschine auf einen aktuellen Stand gebracht werden, egal wie alt? Leider ist diese Frage nicht pauschal zu beantworten. Als Faustregel gilt jedoch: eine Maschine, die derzeit sicher betrieben werden kann und darf, hat gute Chancen für ein Retrofit mit vertretbarem Aufwand. Ob die Maschine anschließend ein neues CE benötigt, hängt von den individuellen Bedingungen ab. Dabei spielen Alter, Umfang des Umbaus und bereits vorhandene Dokumentation zur Maschine die wesentliche Rolle. Aber auch Maschinen die derzeit nicht in einem betriebsfähigen Zustand sind, können trotzdem Chancen auf eine Wiederaufarbeitung haben, allerdings ist hier immer eine individuelle Bewertung unerlässlich.Wenn Sie überlegen, ob für Sie ein Retrofit in Frage kommt, können Sie eine Checkliste des Mittelstand 4.0- Kompetenzzentrums Chemnitz durchgehen. Dazu füllen Sie online einen Fragebogen aus, der Ihnen nach der kostenlosen Auswertung anonym und unverbindlich erste Anhaltspunkte liefern kann. Damit lassen sich spezifische Digitalisierungspotenziale identifizieren und erste Umsetzungs- und Handlungsempfehlungen ableiten. https://betrieb-machen.de/selbstcheck

Wie läuft ein Retrofit praktisch ab?

Bedarfsanalyse: Welche Daten sollen überhaupt gewonnen werden? Lassen sich diese Daten auch verarbeiten oder müssen weitere IT-Infrastrukturmaßnahmen erfolgen, damit eine Durchgängigkeit von Maschinendaten bis in das ERP gewährleistet ist?
Bestandsaufnahme: Gibt es bereits Signale, die man an der Maschine abnehmen kann? Können vorhandene Signale verwendet werden oder müssen Sensoren nachgerüstet werden? Ist bereits ein internes Bussystem vorhanden? Es muss auch bewertet werden, ob die Maschine zum aktuellen Zeitpunkt noch den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Nicht selten sind die Maschinen nach vielen kleinen und undokumentierten Umbauten in einem Zustand, der den aktuellen rechtlichen Anforderungen nicht mehr entspricht. In dem Fall ist zuerst ein sicherer und gesetzeskonformer Zustand herzustellen. Bei geeigneter Planung und Dokumentation kann hier aber häufig auf die Notwendigkeit einer erneuten CE-Konformitätserklärung verzichtet werden.
Durchführung: Je nach geplantem Aufwand geht ein gut geplanter Umbau schneller vonstatten als die Implementierung einer Neumaschine in die Gesamtanlage. Wenn eine über 20 Jahre alte Maschine danach wieder 20 Jahre betrieben werden kann, ist der damit verbundene Produktionsstillstand auch wirtschaftlich gerechtfertigt. Zudem entfallen häufig die langwierigen Genehmigungsverfahren, denn je nach Veränderungsgrad muss eine überarbeitete Maschine nicht noch einmal neu zertifiziert werden.

Grenzen des Retrofit

Alles, was eine neue CE-Prüfung erfordern würde, muss man sorgfältig abwägen: Die Integration neuer Funktionen zum Beispiel erfordert in der Regel tiefe Eingriffe in die Software. Diese sind schon aus rechtlichen Gründen von der eigenen Instandhaltungsabteilung meist nicht mehr ohne weiteres durchführbar, weil sie zum Erlöschen des CE-Zeichens führen. Dann kann tatsächlich eine Neuanschaffung die wirtschaftlichere Lösung sein – insbesondere, wenn sehr viele Komponenten nachgerüstet werden müssten.

Fazit: Lohnt sich ein Retrofit?

Hohe Wirtschaftlichkeit ist einer der entscheidenden Vorteile von Retrofit. Im Vergleich entstehen hierbei Kosten, die in der Regel lediglich 20 bis 60 Prozent der Investitionssumme für eine Neuanschaffung ausmachen. Anbietern zufolge können sich die damit verbundenen Investitionen schon nach zwei bis drei Jahren bezahlt machen. Gleichzeitig schätzt der VDMA die zusätzlich mögliche Betriebsdauer auf fünf bis zehn Jahre. Bei einer planvollen, schrittweisen Herangehensweise lässt sich die Modernisierung zudem quasi ohne lästige Stillstandszeiten bewerkstelligen.

Vorteile von Retrofit gegenüber Neukauf

  • Verlängerte Nutzungszeit der Maschine
  • geringerer Schulungsaufwand, da Bestandsmaschine schon bekannt ist
  • deutlich geringere Kosten im Verhältnis zur Neuanschaffung
  • bei großen Maschinen entfallen hohe Investitionen für neue Fundamentherstellung
  • Bestandsschutz kann für eine Anlage genutzt werden, die vermutlich keine Neugenehmigung mehr erhalten würde

Ragna Sonderleittner

Redakteurin der Redaktion digital bei mi connect

in Kooperation mit unserem Medienpartner Produktion

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